Klang (ohne) Körper

Produkt des Monats April 2011

von Malte Pelleter

[Eines vorweg: Die elendige Verspätung dieses PdM ist selbstverständlich nicht dem vorgestellten Buch anzulasten! Sie muss vielmehr als eine Referenz verstanden werden auf die Verspätung des Buchs selbst. Bereits lange angekündigt bevor es im Sommer letzten Jahres dann endlich herauskam, wurde die freudige Erwartung der geneigten Leserschaft Monat für Monat durch weitere Terminverschiebungen auf der Homepage von transcript auf die Folter gespannt. Aber das, wie gesagt, nur vorweg ...]


»Klang (ohne) Körper« heißt er also, der Band den Daniel Weissberg und Michael Harenberg – seines Zeichens ((audio))-Mitglied der ersten Stunde und Ex-Produkt-des-Monats – herausgegeben haben und in dem in zehn Beiträgen nach »Spuren und Potenzialen des Körpers in der elektronischen Musik« gesucht wird. Denn dieser Status des Körpers in Musik und auditiver Kultur ist – das zumindest sollte ein Gemeinplatz sein – mit der elektronischen Klangerzeugung endgültig problematisch geworden. Wenn schon die komplexen Hammer- und Klappenmechaniken von etwa Klavier oder Blechbläsern die vormals direkte und notwendige Verbindung von menschlich-körperlicher Bewegung und resultierendem Klang entkoppelten und auf verzweigte Umwege schickten, dann wird mit den elektronische erzeugten Klängen diese Verbindung vollends gekappt. Denn, so Rolf Großmann in seinem Beitrag: Elektrizität erzeugt keine Klänge! Eine Spannungsschwankung ist nicht zu hören, ein Synthesizer tönt nicht sondern erzeugt und moduliert ein Signal, das dann in eine akustische Schwingung übersetzt werden kann (aber nicht muss!). Wo also eben noch ›echte‹ Sehnen und Muskeln die Saiten zupften, schwingt jetzt (unhörbar zunächst) ein einsamer Oszillator; oder rechnet schließlich ein Algorithmus, wie dieser (dann virtuelle) Oszillator zu schwingen hätte. Bits & bytes statt blood, sweat (and tears?).


Wohin also mit dem sogenannten Körper in diesem Ensemble aus elektrischen Strömen und rechnenden Maschinen? Hinfort mit der leidigen wetware, mit all dem Schmutz und der Feuchtigkeit? Oder nicht gerade: Her damit, mit diesem letzten festen Grund unmittelbarer Erfahrung? Michael Harenberg zeigt in seinem einleitenden, rasanten Durchgang durch die verschiedenen Diskurse, die sich um den (Klang-)Körper ranken, die unterschiedlich(st)en Antworten auf, die auf diese Frage gegeben wurden. Eines wird dabei deutlich: Der Körper ist nicht und war nie jenes letzte »unveränderlich Universale, auf das sich die Menschen aller Epochen letztlich reduzieren lassen« (S. 22). Körperlichkeit war vielmehr schon immer – wie Harenberg es etwa ausführlich an der Singstimme zeigt – verwoben in ein Netz aus Wahrnehmungsweisen und (medial-)gestalterischen Strategien, war also nie an sich gegeben sondern wurde immer neu ver- und behandelt. Allzu grob zusammenfassend ließe sich dann ab der zweiten Hälfte des 20. Jhd. eine Verschiebung im Verhältnis ›Körper/Technik‹ behaupten, nach der nicht mehr die industriellen Maschinenparks unser Bild vom Technischen bestimmen, in deren Zahnräderwerken der Körper schließlich zermahlen wird, sondern die smarten Technologien des ubiquitous computing. Die Technik ist hier nicht mehr das bedrohliche Monstrum: das Schalten der Flip-Flops verschwindet hinter poliertem Interface und blinkenden Äpfeln; solche Technik als gadget updatet den Körper, fügt ihm neue Funktionalitäten hinzu. McLuhan‘s leicht angestaubte Prothesen-These erscheint in ihrer unvermeidlichen Zwei-Punkt-Nuller-Version, wenn Smartphone-Apps das global village in die Hosentasche stecken lassen. (Medien-)musikalische Praxis, die sich der neuen Geräte und Verfahren bedient, könnte dann als ein ganz spielerisches und körperliches (!) Umgehen mit (Medien-)Klängen deren Verhältnis‘ zu dem, was ›Körper‹ genannt wurde, erproben und neu gestalten, um so schließlich – das ist Harenberg‘s spannende Schlussthese – »Ausgangsmaterial zur Orientierung in den noch weitgehend unbekannten, virtuellen Refrenzräumen des Digitalen« zu bieten (S. 41).


In den folgenden Beiträgen werden dann zum einen ganz konkrete (historische) Konstellationen aus Klängen und Körpern untersucht, etwa wenn Claudio Bacciagaluppi materialreich die Geschichte des Melographen rekonstruiert. Jenem ›Melodien-Schreiber‹, der nicht mehr das geistfähige Material der Töne und ihrer Beziehungen notieren sollte, sondern die körperliche Performance der Interpreten, die dann in diesem veränderten Dispositiv aus Apparat und entsprechenden ästhetischen Diskursen eine völlig neue Position einnehmen. Oder aber wenn Kai Köpp den Begriff des ›Interface‹ heranzieht, nicht etwa um die gestaltbaren Frontends von Software wie MAX oder PD zu untersuchen, sondern um damit historische Streichbögen unter die Lupe zu nehmen.
Schließlich wird zum anderen überlegt – bei den schon genannten Harenberg und Großmann, aber etwa auch bei Daniel Weissberg und Jin Hyun Kim –, wie solchem Klang (ohne) Körper denn nun begrifflich beizukommen ist und welche Schlüsse das musik-/kultur-/medien-wissenschaftliche Denken aus den neuen ›distanzierten Verhältnissen‹ (so der Titel des ((audio))-Chefs) zu ziehen hätte.


Ein spannendes, wichtiges Buch also für alle, die sich mit dem weiten Feld auditiver (Technik-)Kultur beschäftigen! Spannend vor allem, weil das Verhältnis von Klang und Körper hier eben nicht (vorschnell) geklärt, sondern als ein Problemfeld aufgespannt und geöffnet wird. Dieses wird dann auf ganz unterschiedliche Weise und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven heraus bearbeitet; und genau darin liegt (auch wenn das gefährlich nach einer Floskel klingt) die Stärke des Buchs. Die neue Uneindeutigkeit und Vagheit dessen, was ein ›Klangkörper‹ wäre, wird so zum produktiven Ausgangspunkt gemacht für theoretisches wie für künstlerisches Weiterarbeiten.

Links:
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pdm/pdm-1104 - Illustration
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